Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing fordert von der Bundesregierung ein höheres Tempo bei Wirtschaftsreformen. Er verlangt einen spürbaren Bürokratieabbau, mehr Flexibilität im Arbeitsrecht und eine unveränderte Umsetzung der geplanten kapitalgedeckten Altersvorsorge. Seine Vorschläge sind Positionen eines Unternehmenschefs, keine abgestimmten Vorhaben der Bundesregierung.
Sewing sieht ein Umsetzungsproblem
In einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ sagte Sewing, die schwarz-rote Koalition habe die zentralen Aufgaben erkannt, setze Reformen aber nicht schnell und konsequent genug um. Das berichten sowohl das Handelsblatt als auch die veröffentlichte Interviewfassung der Bild.
Als konkreten Hebel nannte der Bankchef schnellere Verwaltungsverfahren. Wenn Behörden Anträge innerhalb einer festgelegten Frist nicht beantworten, sollten Genehmigungen aus seiner Sicht unter bestimmten Bedingungen als erteilt gelten. Eine solche Genehmigungsfiktion könnte Verfahren beschleunigen, müsste aber je nach Rechtsgebiet Sicherheits-, Umwelt- und Beteiligungsrechte berücksichtigen.
Sewing verband die wirtschaftspolitische Debatte mit der politischen Stabilität. Wahlerfolge extremer Parteien und Diskussionen über Enteignungen wertete er als Belastung für Investitionen. Das ist seine Einschätzung des Standortklimas. Welche Faktoren Investitionsentscheidungen tatsächlich bestimmen, hängt zusätzlich von Nachfrage, Energiepreisen, Steuern, Fachkräften, Finanzierung und Planungssicherheit ab.
Die Diagnose bleibt ohne messbare Zielgrößen allgemein. Für eine Bewertung des Reformtempos wären etwa Verfahrensdauer, Zahl abgeschlossener Genehmigungen, Investitionsvolumen und Unternehmensgründungen aussagekräftiger als einzelne politische Stellungnahmen. Solche Kennzahlen nannte Sewing im Interview nicht. Ebenso fehlt ein Vergleich mit bereits beschlossenen Maßnahmen und deren tatsächlicher Wirkung auf Unternehmen.
Vorstoß beim Kündigungsschutz
Besonders weit geht Sewings Forderung im Arbeitsrecht. Er plädiert dafür, den Kündigungsschutz für weitere Gruppen von Spitzenverdienern zu lockern. Im Interview verwies er auf eine bereits vorgenommene Einschränkung für Beschäftigte mit einem Jahreseinkommen von mehr als 180.000 Euro und forderte, die Schwelle abzusenken. Eine konkrete neue Grenze nannte er nicht.
Der Vorschlag berührt einen klassischen Zielkonflikt. Unternehmen wünschen sich Anpassungsmöglichkeiten, wenn sich Geschäftsmodelle oder Technologien schnell verändern. Beschäftigte sind auf verlässliche Regeln und Schutz vor willkürlichen Kündigungen angewiesen. Ob eine niedrigere Einkommensgrenze mehr Investitionen oder Beschäftigung auslösen würde, lässt sich aus dem Interview nicht ableiten. Dafür wären ein konkreter Gesetzentwurf und eine Wirkungsanalyse nötig.
Auch bleibt offen, für welche Funktionen und Vertragsarten die Änderung gelten soll. Einkommen allein sagt wenig darüber aus, ob eine Person tatsächlich unternehmerische Entscheidungen trifft. Die politische Debatte dürfte sich deshalb um Reichweite, Gegenleistungen und Rechtsschutz drehen.
Unterstützung für kapitalgedeckte Vorsorge
Positiv äußerte sich Sewing zur geplanten kapitalgedeckten Altersvorsorge. Er lobte das Altersvorsorgedepot und die Frühstartrente und warnte davor, die Reform im parlamentarischen Verfahren abzuschwächen. Als Bankchef vertritt er zugleich eine Branche, die von zusätzlichen Wertpapier- und Vorsorgeprodukten profitieren kann. Dieser mögliche Interessenkonflikt gehört zur Einordnung.
Der aktuelle Stand ist noch kein abgeschlossener Vollzug. Das Bundeskabinett beschloss im August den Regierungsentwurf zur Frühstartrente. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums sollen ab 2027 für anspruchsberechtigte Kinder monatlich zehn Euro in einen zertifizierten Standarddepot-Vertrag fließen. Das Gesetzgebungsverfahren sollte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch 2026 abgeschlossen werden.
Einen breit angelegten Tankrabatt lehnte Sewing dagegen ab. Er verwies auf die laufenden Kosten und die bereits angespannte Lage der Staatsfinanzen. Damit setzt er auf strukturelle Reformen statt einer dauerhaften Subvention von Kraftstoffpreisen.
Was jetzt wichtig wird
Entscheidend sind konkrete Gesetzestexte. Beim Bürokratieabbau müssen Fristen und Ausnahmen definiert werden, beim Kündigungsschutz fehlt bislang eine genaue Schwelle. Für Altersvorsorgedepot und Frühstartrente zählen der Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens, Kostenobergrenzen und eine verständliche Umsetzung. Erst daran lässt sich messen, ob die von Sewing geforderte Geschwindigkeit mit rechtlicher Belastbarkeit verbunden wird.