Europa baut seine Produktion von Batteriezellen deutlich aus, wird dadurch aber nicht automatisch unabhängig von Asien. Zwei aktuelle Analysen kommen bei der verfügbaren Zellmenge zu unterschiedlichen Ergebnissen. Einig sind sie sich in einem zentralen Punkt: Bei Kosten, Zellchemie und wichtigen Vorprodukten bleibt die europäische Lieferkette verwundbar.
Zwei Studien, zwei Antworten auf die Kapazitätsfrage
Eine von Mobility Global im Auftrag des europäischen Autoherstellerverbands ACEA erstellte Studie erwartet, dass die Brutto-Zellproduktion in der EU von rund 90 Gigawattstunden im Jahr 2025 auf 306 Gigawattstunden 2032 steigt. Nach Abzug der in exportierten Fahrzeugen enthaltenen Zellen blieben nach dieser Rechnung 170 Gigawattstunden für den EU-Markt. Die ACEA-Auftragsstudie sieht deshalb zeitweise eine deutliche Lücke gegenüber der Nachfrage, die durch europäische Herkunftsvorgaben entstehen könnte.
Der Umweltverband Transport & Environment widerspricht. Nach seiner Analyse der europäischen Projekte könnte die EU bereits 2027 genug lokal produzierte Zellen für die von geplanten Regeln erfassten Firmenwagen bereitstellen. Bis 2030 könnte die Menge auch für geförderte private Elektroautos ausreichen. Dafür müssen allerdings Fabriken mit mittlerer Realisierungswahrscheinlichkeit gebaut und ausgelastet werden.
Der Gegensatz entsteht vor allem durch unterschiedliche Annahmen. ACEA zieht Exporte ab und berücksichtigt nur Zellmengen, die bestimmten Fahrzeugprogrammen zugeordnet sind. T&E wertet einen Teil dieser Exporte als kommerzielle Entscheidung, die sich durch Herkunftsregeln ändern könnte. Beide Organisationen vertreten klare Interessen. Ihre Ergebnisse sind Szenarien, keine sicheren Produktionsprognosen.
Angekündigte Fabriken sind noch keine Versorgung
Die Projektpipeline ist groß, aber unsicher. T&E zufolge wurde seit 2022 rund ein Viertel der angekündigten europäischen Zellkapazität gestrichen oder auf Eis gelegt. Finanzierung, Genehmigungen, technische Anläufe und feste Abnahmeverträge entscheiden darüber, ob eine geplante Gigafactory tatsächlich produziert.
Auch Eigentum und Wissen bleiben relevant. Mehr als 72 Prozent der aktiven Zellfertigung in Europa entfallen nach T&E-Angaben derzeit auf nichteuropäische Unternehmen, überwiegend aus Südkorea. Neue Werke innerhalb der EU verkürzen Transportwege und erhöhen die regionale Verfügbarkeit. Sie übertragen aber nicht automatisch Patente, Prozesswissen oder die Kontrolle über Einkauf und Investitionsentscheidungen an europäische Unternehmen.
Der Handelsblatt-Bericht verweist auf den gescheiterten Produktionshochlauf mehrerer europäischer Projekte. Er nennt zugleich neue Kapazitäten von PowerCo in Salzgitter und CATL im ungarischen Debrecen. Die Beispiele zeigen: Entscheidend ist nicht die angekündigte Nennleistung, sondern der stabile Ausstoß verkaufsfähiger Zellen.
LFP und Kosten verschärfen den Wettbewerb
Viele europäische Fabrikpläne konzentrieren sich auf nickelreiche NMC-Zellen. Im Volumensegment wächst jedoch die Nachfrage nach Lithium-Eisenphosphat-Zellen, kurz LFP. Sie sind häufig günstiger und kommen ohne Nickel und Kobalt in der Kathode aus. Chinesische Anbieter verfügen hier über besonders große Produktionsmengen und langjährige Erfahrung.
ACEA erwartet für in Europa gefertigte Zellen je nach Chemie einen Preisaufschlag von 24 bis 33 Prozent gegenüber Importen aus China. Als Gründe nennt die Studie kleinere Produktionsmengen, höhere Materialkosten und noch nicht ausgereifte Fabrikprozesse. Selbst chinesische Hersteller mit europäischen Werken sollen demnach Kostenvorteile gegenüber europäischen Konkurrenten behalten.
T&E hält diesen Abstand nicht für dauerhaft. Der Verband erwartet, dass effizientere Anlagen, geringerer Ausschuss und steigende Automatisierung den Kostennachteil bis 2030 um rund 70 Prozent reduzieren. In einer Gegenanalyse zur ACEA-Studie beziffert T&E den verbleibenden Abstand auf etwa 14 US-Dollar je Kilowattstunde. Ob diese Lernkurve erreicht wird, hängt von Auslastung, Energiepreisen und Investitionen ab.
Was jetzt wichtig wird
Die größte Abhängigkeit liegt möglicherweise vor der Zellfabrik. Kathoden- und Anodenmaterialien sowie veredelte Rohstoffe stammen weiterhin zu großen Teilen aus China. Nach den im Handelsblatt dargestellten Szenarien könnte der europäische Bedarf 2030 selbst bei vorsichtigen Annahmen etwa doppelt so hoch sein wie das heimische Angebot. Eine Montage in Europa verlagert diese Abhängigkeit dann nur in eine frühere Stufe der Lieferkette.
Für eine belastbare Batteriepolitik reichen Herkunftsvorgaben allein deshalb nicht aus. Nötig sind realisierte Fabriken, wettbewerbsfähige Energie- und Finanzierungskosten, gesicherte Abnahmeverträge, Recycling und mehrere Lieferländer für Vorprodukte. Bei den geplanten EU-Regeln wird entscheidend sein, wie schnell die Anforderungen steigen und ob sie Investitionen auslösen, ohne Elektroautos unnötig zu verteuern. Messbar wird der Erfolg an tatsächlicher Produktion, Auslastung und dem europäischen Anteil der gesamten Wertschöpfung.